Programm Boa Vista: Allgemeine Information und Hintergründe

Fünf Arten von Meeresschildkröten durchstreifen die Gewässer um die Inseln von Kap Verde: Grüne Meeresschildkröten (Chelonia mydas), Lederschildkröten (Dermochelys coriacea), Olive-Ridley-Schildkröten (Lepidochelys olivacea), Echte Karettschildkröten (Eretmochelys imbricata) und Unechte Karettschildkröten (Caretta caretta). Nur die Unechte Karettschildkröte (Abb. 2) nistet regelmäßig auf den Inseln. Die lokale Nistpopulation der Unechten Karettschildkröten ist nach den Nistpopulationen von Oman und Südost-Florida die drittgrößte Population der Welt und die größte Nistpopulation im Ostatlantik. Es wird geschätzt, dass etwa zwei Drittel der Nistplatzaktivitäten auf Kap Verde auf der Insel Boa Vista stattfinden.

Obwohl alle Meeresschildkrötenarten nach den Gesetzen von Kap Verde offiziell geschützt sind, sind sie zahlreichen anthropogenen Bedrohungen ausgesetzt. Die Hauptbedrohung ist das Abschlachten von weiblichen Unechten Karettschildkröten, wenn sie zum Nisten an Land kommen (Abb. 3). Die Verwundbarkeit der Schildkröten an Land in Kombination mit der leichten Zugänglichkeit der Niststrände, dem raschen Anwachsen der lokalen Bevölkerung seit Anfang der 2000er Jahre und dem fehlenden Willen und/oder der mangelnden Fähigkeit der Behörden, die bestehenden Gesetze durchzusetzen, verschärften das Problem noch weiter. Das Schlachten ist besonders brutal und grausam, wobei die Schildkröten aufgeschnitten werden, um Fleisch und innere Organe zu entfernen, während sie noch am Leben sind. Dies geschieht in der Regel, bevor die Weibchen überhaupt nisten, so dass auch ihre gesamte Nachkommenschaft getötet wird. Weitere Bedrohungen sind die Zerstörung ihrer Niststrände durch unkontrollierte Bebauung im Rahmen der raschen Tourismusentwicklung, Nestwilderei, Müllansammlungen im Wasser und an den Stränden, gezielter Fang und Beifang von Schildkröten auf See sowie Bootskollisionen. Diese Situation hat dazu geführt, dass das Umweltprogramm der Vereinten Nationen Kap Verde als die Erhaltungspriorität für Unechte Karettschildkröten identifiziert hat (UNEP, 2002).

Eine besondere Situation auf Boa Vista entsteht durch zunehmende touristische Aktivitäten; nach offiziellen Angaben wurden allein auf Boa Vista im Jahr 2016 über 1,6 Millionen Übernachtungen verzeichnet, was mehr als 40% aller Übernachtungen in Kap Verde entspricht. Der Massentourismus führt zu einer Vielzahl zusätzlicher Probleme für die Meeresschildkröten, darunter die Zerstörung der Niststrände durch Entwicklungsprojekte, Lichtverschmutzung, motorisierter Verkehr an den Stränden (Quad-Bike-Touren) und schlecht organisierte Schildkrötenbeobachtungsaktivitäten.

Die Turtle Foundation startete 2008 ihr Schutzprojekt auf Boa Vista, nachdem sie 2007 von einer lokalen NGO darüber informiert worden war, dass in jenem Jahr an den Stränden von Boa Vista mehr als 1200 Schildkröten geschlachtet wurden, und nachdem sie in dieser verzweifelten Situation um Hilfe gebeten worden war. Dank der Patrouillen und des Schutzes der Turtle Foundation konnte 2008 die Zahl der getöteten Tiere allein am Strand von Porto Ferreira von 600 im Jahr 2007 auf 60 im Jahr 2008 reduziert werden. Im Jahr 2009 wurde die Gesamtmortalität auf Boa Vista auf 220 Tiere geschätzt. Durch die schrittweise Einbeziehung bisher ungeschützter Strände könnte die Schildkrötensterblichkeit in den folgenden Jahren weiter reduziert werden. An Stränden, die von der Turtle Foundation geschützt werden, wurden zwischen 2011 und 2017 jährlich 5-21 Schildkrötensterben verzeichnet. Diese Zahlen spiegeln jedoch nicht das wahre Ausmaß der Situation wider, da sie wichtige Strände, die von anderen NGOs überwacht werden, und die übrigen Strände, die noch überhaupt nicht überwacht werden, nicht einschließen und nur dokumentierte Vorfälle von Wilderei berücksichtigen. Schildkröten, die unbemerkt von den Stränden mitgenommen und anderswo geschlachtet wurden, wurden nicht berücksichtigt. Darüber hinaus haben die allgemeinen Wildereiaktivitäten in den letzten Jahren wieder zugenommen.

Seit Beginn ihrer Strandpatrouillentätigkeit auf Boa Vista hat die Turtle Foundation sich verstärkt um Begleitprogramme bemüht, um die Nachhaltigkeit ihres Schutzprojekts zu gewährleisten. Zu diesen Programmen gehören Aktivitäten zur Umwelterziehung, Programme zur Identifizierung und Schaffung alternativer Einkommensmöglichkeiten und das Eintreten für Aktivitäten bei der lokalen Regierung und anderen Interessengruppen. Es liegt jedoch noch ein langer Weg vor uns, bis die Unechten Karettschildkröten sicher an den Stränden von Boa Vista nisten können und sich die erschöpfte Schildkrötenpopulation erholen kann.

Projektstandort

Übersicht

  • Start des Programms: 2008

  • Art im Fokus: Unechte Karettschildkröte

  • Ort: Boa Vista, Kap Verde

Projekte

Konventioneller Strandschutz: Patrouillen mit Rangern und Volontären
Neue Methoden des Strandschutzes: Nachtsichtdrohnen, Artenschutzhunde
Meeresschildkrötenschutz auf See: Erforschung und Sicherung der küstennahen Paarungsgebiete
Gesellschaftliches Engagement: Naturschutz Hand in Hand mit der Bevölkerung

Konventioneller Strandschutz: Patrouillen mit Rangern und Volontären

Die Überwachung und der Schutz der Strände werden von fünf temporären Feldstationen vor Ort durchgeführt. Entsprechend ihrer Lage werden diese Lager Boa Esperança-Lager, Canto-Lager, Cruz do Morto-Lager, Lacacacão-Lager und Curral Velho-Lager genannt). Jedes Lager wird von einem Team aus einem Lagerkoordinator und einem Feldkoordinator geleitet, mit Ausnahme der Lager Cruz do Morto und Curral Velho, die aufgrund der geringen Anzahl der in diesen beiden Lagern anwesenden Personen nur einen Lagerkoordinator hatten. Die Lager werden ab Mitte bis Ende Mai eingerichtet und sind bis Ende Oktober in Betrieb.

Seit 2009 engagieren wir nationale und internationale Freiwillige, die die Ranger bei der Strandpatrouille unterstützen.

Insgesamt werden derzeit etwa 30 km Niststrände direkt von Teams der Turtle Foundation überwacht (gemeindebasierte Projekte nicht eingeschlossen; siehe unten), die 9 Unechte Karettschildkröten-Niststrände oder damit verbundene Strandgebiete geschützt haben.

Die Strände werden während der ganzen Nacht, vom Sonnenuntergang bis zum Sonnenaufgang, patrouilliert. Die Patrouillen werden in Schichten (mindestens 4 Stunden) durchgeführt.

Darüber hinaus unterstützt und beaufsichtigt die Turtle Foundation die beiden gemeindebasierten Schutzprojekte „Projeto Varandinha“ und „Projeto Bofareira“, die von den lokalen Organisationen Associação Varandinha de Povoação Velha (AVPV; Vereinigung Varandinha in Povoação Velha) und Associação Onze Estrelas da Bofareira betrieben werden. Das Projeto Varandinha schützt Strände von insgesamt etwa 8 km Länge im Süden und Südwesten von Boa Vista (Curralinho, ein Teil von Santa Monica, und Varandinha, logistisch unterteilt in Varandinha I und Varandinha II), während das Projeto Bofareira etwa 1 km Niststrand im Norden der Insel (von Ponta Antónia bis Ponta Altar) patrouilliert.

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Blog 2018 06

Nistende Unechte Karettschildkröte

Als Unternehmen spenden: Voluntäre und ein nistende Meeresschildkröte auf den Kapverden

Markierung einer Schildkröte

Blog 2018 06

Strandpatrouillen-Planung

Neue Methoden des Strandschutzes: Nachtsichtdrohnen, Artenschutzhunde

Hintergrund

Konservative Strandpatrouillen während der Nistzeiten der Schildkröten sind das erste Mittel zum direkten Schutz von Meeresschildkröten, die von Wilderei bedroht sind. Diese Methode ist jedoch mit hohen personellen, finanziellen und logistischen Kosten verbunden, insbesondere wenn eine dichte Überwachung erforderlich ist. Außerdem würde eine Reduzierung der Überwachungsbemühungen, wenn sie nicht durch begleitende Maßnahmen unterstützt wird, unweigerlich zu einem Wiederaufleben der Wilderei führen, was besonders dann eine große Gefahr darstellt, wenn die Maßnahmen von NGOs und nicht von Regierungsbehörden finanziert und durchgeführt werden. Es besteht daher ein Bedarf an alternativen, aber ähnlich wirksamen Maßnahmen, die kostengünstiger sind, dazu beitragen können, den Aufwand für konventionelle Strandpatrouillen in Zukunft deutlich zu reduzieren, und die mit größerer Wahrscheinlichkeit von den lokalen Regierungen übernommen werden. Zusammen mit den lokalen Naturschutzbehörden und der Polizei hat FT/TF eine Überwachungs-Task Force zum Schutz von Meeresschildkröten mit alternativen Techniken geschaffen. Dabei handelt es sich um eine neue Strategie gegen Wilderei, die darauf abzielt, die bisher auf Prävention ausgerichtete Methode, Wilderer allein durch die Anwesenheit von Patrouillen von den Stränden fernzuhalten, zu überwinden und durch einen dreistufigen Ansatz der Aufdeckung, Intervention und Verfolgung von Wildereiaktivitäten zu ersetzen. Die Überwachungs-Task-Force soll ausdrücklich nicht nur die Strände schützen, die konventionell von der FT/TF patrouilliert werden, sondern alle Strände von Boa Vista, die einem hohen Risiko von Wilderei ausgesetzt sind, insbesondere die Strände im Norden und Osten der Insel.

Nachtsicht-Drohnen

Das Drohnen-Projektteam begann seine Tätigkeit im August 2018 bis zum Ende der Saison und setzte sie in der Nistsaison 2019 fort. Es wurden eine professionelle Drohne (DJI Inspire 1 V2.0), eine thermische Nachtsichtkamera (Zenmuse XT 640) und unterstützende Ausrüstung angeschafft. Die Einsätze konzentrierten sich auf etwa 30 km risikoreiche Strände im Osten und Norden von Boavista. Pro Nistsaison wurden etwa 70 Nachteinsätze und etwa 400 Einzelflüge von Drohnen durchgeführt. Anfänglich wurde etwa die Hälfte der Einsätze von Polizisten begleitet, die bereit waren, einzugreifen und die Täter festzunehmen, falls Wildereiaktivitäten entdeckt würden. Im Jahr 2019 kam jedoch eine Strategie hinzu, die spezielle Ranger-Patrouillen vor Ort während der Drohneneinsätze vorsah, die über Funk mit den Drohnen-Operatoren verbunden waren. Während bei Drohneneinsätzen keine Wilderer angetroffen oder festgenommen wurden, sank die Zahl der registrierten Wildereivorfälle von 235 noch im Jahr 2017 auf 70 im Jahr 2018 und weiter auf 19 im Jahr 2019. Wir führen dies auf die kombinierte Wirkung des neuen Gesetzes, das den lokalen Schutzstatus von Meeresschildkröten erhöht, und auf die öffentlich bekannte, aber unvorhersehbare Präsenz des Drohnenteams an den Stränden in Begleitung der örtlichen Polizei zurück. Die großen Bemühungen um Aufklärungs-, Bildungs- und Entwicklungsprogramme in den Gemeinden und die zunehmende Beteiligung der lokalen Fahrer an den Schildkrötenbeobachtungsinitiativen könnten ebenfalls dazu beigetragen haben. Ende 2018 wurde eine kurze Mitteilung über das Drohnenprojekt veröffentlicht (Reischig et al., African Sea Turtle Newsletter 2018 10: 9-13; Download)

Artenschutzhunde

Das Artenschutzhundeprojekt begann im Herbst 2017 mit dem Kauf von zwei Labrador-Welpen, einem Geschwisterpaar aus einer Arbeitslinie dieser Rasse. Die beiden Hunde – ein Rüde und eine Hündin – tauften wir in Anlehnung an die lateinischen Namen der beiden hauptsächlich auf den Kapverden vorkommenden Schildkrötenarten „Karetta“ (Caretta caretta, die Unechte Karettschildkröte) und „Kelo“ (Chelonia mydas, die Grüne Meeresschildkröte). Die Labrador-Geschwister erhielten dann von der renommierten Hundetrainerin Marlene Zähner in der Schweiz ihre Grundausbildung. Im Jahr 2018 nahmen zwei unserer kapverdischen Ranger ebenfalls in der Schweiz an einem Hundeführer-Training teil, und im Juni 2019 kamen Karetta und Kelo nach Boa Vista. Hunde und Hundeführer begannen ihren Dienst und wurden zunächst für das Aufspüren von Schildkrötenkadavern an den Stränden trainiert, was später für das Aufspüren von Schildkrötenfleisch, z.B. auf Flughäfen, in Häfen und auf Booten, ausgebaut werden soll. Zudem erkannten wir, dass Wilderer oft Gegenstände wie Stoffreste und Seile am Tatort zurücklassen, an denen ihr Geruch haftet, und mit denen die Hunde ihre Fährte aufnehmen und verfolgen könnten. Daher hatten wir uns für das Jahr 2020 vorgenommen, diesen Einsatzbereich, das sogenannte Mantrailing, ebenfalls zu trainieren. Aufgrund der Corona-Pandemie und der damit einhergehenden Reisebeschränkungen war dies leider nicht möglich. Unterdessen wurden die Hunde für das flächendeckende Auffinden von Schildkrötenkadavern aus der vergangenen Saison an den Stränden und in ihrem Hinterland eingesetzt, um die Wilderei-Hotspots weiter einzugrenzen und bisher unbekannte Wildereiaktivitäten aufzuspüren. Einen weitere Rückschlag erlebten wir, als Karetta bei einem Spaziergang am Strand im Frühjahr 2020 eine komplizierte Verletzung am Hinterlauf erlitt und zur weiteren Behandlung in die Schweiz zurückgebracht werden musste. Leider ist Karetta durch diesen Unfall dauerhaft beeinträchtigt und kann nicht mehr als Arbeitshund eingesetzt werden. Sie lebt jetzt bei Marlene Zähner in der Schweiz. Kürzlich konnten wir auf Boa Vista eine junge Hündin kaufen, die gute Anlagen zeigt, Karettas Nachfolgerin zu werden. Ab 2021 wollen wir mit dem auf Mantrailing spezialisierten deutschen Hundetrainer Marcel Maierhofer und seinem Team von Mantrailing24 das Artenschutzhundeprojekt fortsetzen.

Drone team

Flugtraining mit der Nachtsicht-Drohne. Das präzise Landen auf der Plane in der Nacht ist ein besonders heikles Manöver und muss daher am Tag bis zur Perfektion geübt werden.

Drone team

Flugvorbereitungen für Training am Tage

Detection dogs

Artenschutzhunde Kelo (links) und Karetta mit Hundeführern

Meeresschildkrötenschutz auf See

Hintergrund

Die drastische Eindämmung der ehemals massiven Wilderei auf Meeresschildkröten an den Stränden Boa Vistas während der letzten fast eineinhalb Dekaden ist eine Erfolgsgeschichte des Naturschutzes auf den Kapverden. Die Meeresschildkröten werden allerdings nicht nur auf den Stränden gejagt – auch im Meer sind sie nicht sicher. Zum einen fallen sie in großer Zahl als unbeabsichtigter Beifang der industriellen Fischerei zum Opfer. Aber auch die einheimische, handwerkliche Fischerei fordert ihren Tribut, denn traditionell werden dort auch Meeresschildkröten nicht verschmäht und daher, im Gegensatz zur industriellen Fischerei, gezielt bejagt. Es ist sogar anzunehmen, dass sich dieses Problem derzeit zunehmend verstärkt, gerade weil der Schutz der Schildkröten an den Stränden so erfolgreich ist. Es lohnt sich dadurch  nun immer mehr, den noch bestehenden Bedarf nach Schildkrötenfleisch durch die im Vergleich zu den Stränden deutlich schwierigere Jagd auf See zu decken. Da die Fischer auf See aber derzeit nicht kontrolliert werden, kann das wahre Ausmaß der Wilderei auf auf dem Meer bislang nur schwer geschätzt werden. Wir müssen aber davon ausgehen, dass es sich hier um eine signifikante Bedrohung der Bestände handelt. Seit 2018 arbeiten wir eng mit der Meeresschutzorganisation MarAlliance zusammen, um auch diesem Problem zu begegnen. Hierzu verfolgen wir zur Zeit hauptsächlich zwei Ansätze:

Erforschung der küstennahen Paarungsgebiete und Wanderwege der Unechten Karettschildkröte vor Boa Vista

Um die Schildkröten erfolgreich auf See schützen zu können, ist es natürlich wichtig zu wissen, wo sie dort hauptsächlich vorkommen. Insbesondere die küstennahen Paarungsgebiete sind von besonderem Interesse. Hier treffen sich die männlichen und weiblichen Schildkröten in zeitlich begrenztem Rahmen auf relativ engem Raum in hoher Dichte, nachdem sie lange von den teils sehr weit entfernten Futterplätzen, an denen sie die meiste Zeit ihres Lebens verbringen, dorthin gewandert sind.

An diesen Orten findet wenige Wochen vor der Eiablage bis in die eigentliche Nistsaison hinein die Paarung der Schildkröten statt. Es bewegen sich dann nicht nur viele Tiere auf engem Raum, leider verlieren sie im Hormonrausch auch ihre typische Aufmerksamkeit und Fluchtbereitschaft, und sie können daher daher besonders leicht erbeutet werden. Wir benötigen daher eine möglichst genaue Kenntnis und Kartierung der Paarungsgründe, um zu wissen, wo wir die Schildkröten schützen müssen. Die Schwerpunkte von Schutzmaßnahmen wie etwa Seepatrouillen lassen sich sogar noch weiter eingrenzen vor dem Hintergrund, dass nicht das gesamte Paarungsgebiet regelmäßig von den von den Fischern genutzt wird, sondern nur diejenigen Bereiche, wo sie ihre eigentlichen Zielarten finden. In den Weiten der Küstengewässer von Boa Vista können diese Überschneidungsbereiche zwischen den Paarungsgründen der Schildkröten und der Hauptaktivität der handwerklichen Fischerei dann gezielt und effektiv geschützt werden.

Ein erster Ansatz zur Erforschung der Paarungsgebiete wurde von Alexander „Zeddy“ Seymour von MarAlliance im Jahr 2018 unternommen. Die Studie verwendete Unterwasser-Video sowie systematische Beobachtungen an der Wasseroberfläche an zuvor definierten Transsekten zur Erfassung der Häufigkeit von Schildkröten im Beobachtungsgebiet. Weiterhin wurden Fischer zu ihren Beobachtungen sowie zu Ort, Art und Dauer ihrer Aktivität befragt. Die Ergebnisse lieferten eine vorläufige Bewertung zur Nutzung der Küstengebiete vor den Niststränden einschließlich der Überlappung der Paarungsgebiete der Unechten Karettschildkröten mit der handwerklichen Fischerei. Ein Zwischenbericht zu dem Projekt aus dem Jahr 2018 empfiehlt nachdrücklich, die lokalen Fischer besser in den Schutz der Meeresschildkröten einzubeziehen. Leider wurde das Projekt durch den tragischen Tod von Zeddy Seymour im Sommer 2019 und den Beginn der Corona-Pandemie im Jahr 2020 vorübergehend unterbrochen, konnte aber dann ab der Nistsaison 2020 mit Anpassungen an die neue Situation fortgesetzt werden.

Ein beliebtes Ziel der Wilderei auf See sind die männlichen Schildkröten. Deren Penis wird als vermeintliches Aphrodisiakum teuer gehandelt. Da die Männchen im Gegensatz zu den Weibchen niemals das Wasser verlassen, können sie auch nur dort gefangen werden. Die männlichen Meeresschildkröten befinden sich gegenüber den Weibchen deutlich in der Unterzahl und aufgrund der besonderen Brutbiologie ist zu befürchten ist, dass mit der Klimaerwärmung das Geschlechterverhältnis sich weiter zu Ungunsten der Männchen entwickeln wird, bis schließlich zu wenige Männchen vorhanden sind, um alle Weibchen erfolgreich befruchten zu können. Daher stellt das gezielte Töten der Männchen eine ernste Gefahr für die Population dar. Ein weiteres Projekt beinhaltet daher die Erforschung der Aufenthaltsorte und Wanderwege der männlichen Schildkröten mithilfe von Satellitensendern. Eine erste Schildkröte wurde noch von Zeddy Seymour im Juni 2019 besendert, deren Wanderwege wir bis in den Januar 2020 beobachten konnten. Drei weitere Schildkröten wurden im Jahr 2020 mithilfe von Mitarbeitern von MarAlliance markiert. Alle drei Tiere liefern bis in die Gegenwart (Stand Mai 2021) wertvolle Daten! Zwei Tiere bewegen sich wie das 2019 markierte Tier in einem weiten Gebiet in den offenen ozeanischen Gewässern zwischen Boa Vista und der Westküste von Afrikas Festland. Besonders interessant ist aber das Verhalten von einem Männchen, das auch nach inzwischen fast einem Jahr nicht nur die Gewässer um Boa Vista nicht verlassen hat, sondern sich auch seither kaum mehr als ein paar Kilometer von Stelle, an der sie gefangen wurde, wegbewegt hat. Wir sind schon sehr gespannt auf die Auswertungen der Ergebnisse!

Verstärkte Zusammenarbeit mit den Fischern Boa Vistas im Rahmen unseres gesellschaftlichen Engagements

Partnerschaften mit lokalen Fischern können einen praktischen Weg bieten, um mit den Fischern insgesamt besser zu interagieren und eine stärkere Beteiligung der Fischer am Schutz der Meeresschildkröten und an der Forschung fördern. Es gibt auf Boa Vista etwa 70 Fischerboote, die in den küstennahen Gewässern unterwegs sind. Um die Fischer in unsere Projektarbeit einzubeziehen, haben wir eine Kooperation mit zunächst sechs Fischern begonnen, die uns bei Datenerhebungen im Meer und beim Besendern von Schildkröten helfen. Im Gegenzug erhielten sie eine Sicherheitsausstattung für ihre Boote und Arbeitskleidung mit individuellen Motiven von Meeresbewohnern wie Kraken, Walen und natürlich Schildkröten. Wir hoffen sehr, mit diesem ersten Schritt einen Weg zur vertrauensvollen Zusammenarbeit mit den lokalen Fischen zu ebnen, der sowohl den Fischern als auch den Meeresschildkröten zugutekommt.

Über das bisher genannte hinaus ist sehr großes Problem für die Schildkröten ist allerdings auch die industrielle Fischerei auf hoher See, der wahrscheinlich jährlich tausende von Schildkröten zum Opfer fallen; wir haben in einem Beitrag (Link) schon einmal darauf hingewiesen. Derzeit befinden wir uns Gespräch mit einer Arbeitsgemeinschaft zur Reduktion von Beifang an Seevögeln und Meeresschildkröten vor der Küste Westafrikas, an der MAVA, BirdLife International und weitere internationale und ansässige Organisationen beteiligt sind.

Die erste männliche Schildkröte, die 2019 im Meer gefangen und mit einem Satellitensender versehen wurde. Sie erhielt den Namen „João“ und lieferte ein halbes Jahr lang wertvolle Daten.

Freilassung einer frisch besenderten männlichen Schildkröte im Mai 2020. (Bild: MarAlliance)

Wanderweg der Schildkröte „Djalo“ in den ersten Tagen nach der Besenderung im Mai 2020. (Grafik: MarAlliance)

Caretta Male

Männliche Unechte Karettschildkröte vor Boa Vista. Die Männchen sind an dem langen Schwanz gut zu erkennen. (Bild: Zeddy Seymour, MarAlliance)

Ein Eisengestell wird von Zeddy Seymour mit einer Unterwasserkamera und Köder bestückt, um danach von einem Taucher auf dem Meeressgrund aufgestellt zu werden (Fachausdruck: Baited Remote Underwater Video, BRUV). Die Kamera wird alle Tiere filmen, die in den folgenden Stunden von dem Köder fressen.

Die Karte zeigt farbkodiert die Schwerpunkte von Schildkrötensichtungen vor den Niststränden im Osten von Boa Vista zusammen mit den von Fischern genutzten Meeresgebieten. (Grafik: Zeddy Seymour, MarAlliance)

Gesellschaftliches Engagement

Hintergrund

Nachhaltiger Naturschutz steht nicht für sich allein, sondern kann nur in Zusammenarbeit mit der Bevölkerung stattfinden, weshalb wir uns in diesem Bereich, in Zusammenarbeit mit den zwei weiteren NGOs zum Schutz von Meeresschildkröten auf Boa Vista, unter dem Namen Projeto Tartaruga, besonders stark engagieren. Die Pandemie ließ unser partizipatives Entwicklungsprojekt auf Boa Vista nicht unberührt, und wir mussten unser Programm in einigen Punkten anpassen. Das Einkommen vieler Familien auf Boa Vista hängt vom Tourismus ab, und da die Urlauberzahlen ab dem Frühjahr 2020 komplett einbrachen, standen viele Menschen plötzlich ohne Einkommen da. Während Angestellte im Tourismus-Sektor noch auf verminderte Lohnfortzahlungen zurückgreifen können, sind selbstständige Kleinunternehmer wie Taxifahrer oder Restaurantbesitzer auf marginale staatliche Unterstützung angewiesen.

Projeto Tartaruga

Projekte

Zusammen mit unseren Partnerorganisationen beteiligten wir uns an einer Online-Fundraising- Kampagne zur Unterstützung von besonders betroffenen Familien. Weiterhin konnten wir mit der Beschäftigung von 61 einheimischen Rangern und Camp-Personal ein kleines Gegengewicht schaffen. Unmittelbar von der Pandemie betroffen war auch die von uns geförderte Frauenkooperative TAMBRA im Dorf João Galego. Auch Frauen sind ein Teil des illegalen Handels mit Schildkrötenfleisch, da es in der Regel die Frauen der Wilderer sind, die das Fleisch einkochen und verkaufen. Mit der Anleitung zur Produktion und Vermarktung von eingemachten Gemüsechutneys und Naturseifen bieten wir den Frauen von TAMBRA eine nachhaltige Alternative zur Beteiligung an der Schildkrötenwilderei. Leider blieben in diesem Jahr die Touristen auf Boa Vista aus, die die wichtigste Zielgruppe für die handgefertigten Produkte darstellen.

Ein großer Erfolg war dagegen der von unserem Geldgeber MAVA finanzierte Abschluss der Bauarbeiten am Tourismuszentrum in João Galego, in dem die TAMBRA-Gruppe ihre Produkte herstellen und verkaufen soll.

Eine weitere Frauengruppe in dem kleinen Dorf Cabeçã dos Tarafes haben wir bei der Durchführung eines Nähkurses unterstützt. Erste Aufträge zur Herstellung von Stoffmasken konnte die Gruppe sogleich umsetzen. Für die Zukunft ist geplant, hier ein Nähatelier einzurichten, in dem z.B. Schuluniformen und Arbeitskleidung angefertigt werden sollen.

Zudem haben wir eine großangelegte Strandreinigungsaktion in Zusammenarbeit mit dörflichen Organisationen durchgeführt, bei der angespülter Müll von den Niststränden aufgesammelt wurde. In diesem Zusammenhang förderten wir auch ein Pilotprojekt zur Herstellung von einfachen Gegenständen aus recyceltem Plastik, welches von einer Jugendgruppe umgesetzt wurde. In den kommenden Jahren sollen die Herstellungstechnik und die Produktpalette ausgeweitet werden, um auch hier eine Vermarktung zu erreichen.

Eine weitere wichtige Zielgruppe unseres gesellschaftlichen Engagements zum Schutz der Meeresschildkröten sind die Fischer von Boa Vista. Es gibt etwa 70 Fischerboote, die in den küstennahen Gewässern unterwegs sind. Bisher ist noch wenig darüber bekannt, in welchem Ausmaß die Jagd auf Schildkröten im Meer zur Dezimierung der Art beiträgt. Um die Fischer in unsere Projektarbeit einzubeziehen, haben wir eine Kooperation mit zunächst sechs Fischern begonnen, die uns bei Datenerhebungen im Meer und beim Besendern von Schildkröten helfen. Im Gegenzug erhielten sie eine Sicherheitsausstattung für ihre Boote und Arbeitskleidung mit individuellen Motiven von „Meeresbewohnern“ wie Kraken, Walen und natürlich Schildkröten.

Die Frauen von TAMBRA

Bioseife

Nähgruppe in Cabeçã dos Tarafes

Bildung durch Musik. Gitarren für die lokale Schule.

Ein Strandabschnitt wird vom Plastikmüll befreit